Veröffentlicht am Mittwoch, 7. November 2018

Die erste Schubkarre der alten Schanzer

Auf dem Ingolstädter Gießereigelände wurden die ältesten Schubkarren Mitteleuropas entdeckt

Bei Ausgrabungsarbeiten auf dem Gießereigelände haben Archäologen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: Zwei fast 500 Jahre alte Schubkarren aus Buchenholz in gut erhaltenem Zustand. Den Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege zufolge stammen sie aus den 1530er Jahren, also aus der Zeit, als mit dem Festungsbau in Ingolstadt begonnen wurde. Die Schubkarren sind damit die zwei ältesten erhaltenen Exemplare in Mitteleuropa.


<p>Dr. Gerd Riedel, Dr. Ansgar Reiß, Stefan Dembinski und Dr. Ruth Sandner (v.l.) präsentierten das außergewöhnliche Fundstück</p>

Dr. Gerd Riedel, Dr. Ansgar Reiß, Stefan Dembinski und Dr. Ruth Sandner (v.l.) präsentierten das außergewöhnliche Fundstück

(Quelle: Stadt Ingolstadt / Betz)

"Es ist sehr ungewöhnlich, so gut erhaltene Alltagsgegenstände zu finden", erklärte Stefan Dembinski von der Grabungsfirma ProArch am Dienstag vor der Presse. Stadtarchäologe Dr. Gerd Riedel und Dr. Ruth Sandner vom Landesamt für Denkmalpflege präsentierten gemeinsam mit Dr. Ansgar Reiß vom Bayerischen Armeemuseum und Stefan Dembinski das bereits konservierte Exemplar.

"Das Militär hielt Ordnung"

Eine weitere Besonderheit an dem Fund ist der Fundort. Denn: "Das Militär hielt Ordnung", erklärte Stadtarchäologe Riedel. Normalerweise gehen Funde auf historischen Festungsanlagen auf die Zeit zurück, als die Verteidigungsanlagen nicht mehr gebraucht wurden. Nicht mehr benötigte Gegenstände wie Siedlungsabfall aus Keramik, Glas und Speiseresten wurden dann genutzt, um die Gräben zu verfüllen und einzuebnen. Die Ausgrabungen auf dem Ingolstädter Gießereigelände, die bayernweit umfangreichsten archäologischen Untersuchungen in Festungsanlagen, haben hingegen ein wesentlich breiteres und interessantes Fundspektrum geliefert.

So umfasst das Fundgut des Gießereigeländes - neben Munition und Uniformteilen - vor allem Alltagsgegenstände, die bei Zivilisten und bei Militärangehörigen in Gebrauch waren. Viele von diesen Funden dürften jedoch letzteren zuzuordnen sein. Denn die Wehrbauten auf dem Ingolstädter Gießereigelände blieben auch nach dem Verlust ihrer Verteidigungsfunktion fast ununterbrochen in der Hand des Militärs. Die Funde reichen vom Beginn des Festungsbaus im 16. Jahrhundert bis in die Zeit der militärischen Rüstungsbetriebe mit dem Höhepunkt der Produktion im Ersten Weltkrieg.

Ehrenplatz im Armeemuseum

Da Ingolstadt als stärkste Festung Bayerns über Jahrhunderte eine Schlüsselrolle in der Militärgeschichte des Landes gespielt hat, wird die präsentierte Schubkarre nach seiner Restaurierung in Konstanz ab 2019 als Leihgabe des Stadtmuseums Ingolstadt in der neu konzipierten Schausammlung des Bayerischen Armeemuseums zu sehen sein. Es wird die Jahrhunderte währenden Schanzarbeiten in Ingolstadt veranschaulichen, die schließlich den Bürgern der Stadt den Namen "Schanzer" gaben.

Nach der Pest kamen die Schubkarren

Schubkarren sind nördlich der Alpen erst seit gut achthundert Jahren bekannt. Sie sind zunächst nur in Schrift- oder Bildquellen, vor allem aus Nordwesteuropa überliefert. Laut Dembinski finden sich die ersten Darstellungen von Schubkarren in England. Erst nach der Pest verbreiteten sie sich auch in Mitteleuropa. Die Funde aus Ingolstadt sind nun die ersten weitgehend vollständig erhaltenen Exemplare in Mitteleuropa und ein außergewöhnliches Zeugnis des frühen Festungsbaus.


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