Veröffentlicht am Donnerstag, 12. April 2018

Prunkvolles Dokument der Ingolstädter Stadtgeschichte

Das Ingolstädter Privilegienbuch beinhaltet zahlreiche kunstvoll gestaltete Seiten. Herausragend sind vor allem die Porträts früherer Ratsherren.

Schon von außen ist das kostbare Buch prächtig anzusehen: Ein wuchtiger Foliant mit rotbraunem Ledereinband, acht massiven Nägeln, zwei breiten Schließen und vier eingefassten Ecken, alles aus funkelndem Messing. Doch die größte Pracht wartet auf den Betrachter, sobald das Werk aufgeschlagen wird. Denn die kunstvoll gestalteten Seiten mit zahlreichen Ornamenten und Blütenranken und vor allem die vielen farbigen Porträts der Ratsherren vom 15. bis 19. Jahrhundert, sind in ihrer Kombination einzigartig, wie die Stadtmuseumschefin Beatrix Schönewald erklärt. Zwar verfügt manch andere Stadt auch über ein ähnliches Werk, doch nicht in dieser Vielfalt.


<p><b>Die Ratsherren von 1493</b> </p>

Die Ratsherren von 1493

1493 von Andreas Zainer angelegt

Bilder zum Thema (5 Einträge)

 

Natürlich wird solch ein Schatz auch nur zu bestimmten Anlässen der Öffentlichkeit gezeigt. So wie etwa erst kürzlich beim "Tag der Archive". Auch hier begeisterte das Buch wieder zahlreiche Interessierte, die ehrfürchtig die Seiten betrachteten, die die Stadtmuseumschefin vorsichtig (und natürlich mit Handschuhen) umblätterte.

1493 wurde das Privilegienbuch vom Stadtschreiber Andreas Zainer angelegt und von seinen Nachfolgern fortgeführt. Doch warum machte man sich eine derartige Mühe?

Mit der Übernahme des Herzogtums Baiern durch die Wittelsbacher blühte das Gemeinwesen auf. Die Stadtverwaltungen waren darauf bedacht, von den Landesherren, von den Kaisern und Königen besondere Befugnisse oder wirtschaftliche und rechtliche Vorteile (Privilegien) zu erhalten, mit denen sie ihren Wohlstand mehren konnten. Hatten sie eines dieser Rechte erworben, wurden die Urkunden meist fein säuberlich zusammengeschrieben und vorsichtig aufbewahrt.

Schenkungen und besondere Rechte

Die etwa 120 Urkunden enthalten so etwa das Stapelrecht (eine Art Verpflichtung für durchreisende Kaufleute, ihre Waren in der Stadt anbieten zu müssen) für Salz, Eisen, Wein oder Tuche, das Recht eine Art Verbrauchssteuer auf Fleisch und Getränke zu erheben oder aber auch das Privileg, Jahrmärkte abhalten zu dürfen. Ferner ist darin auch die Schenkung von Waldflächen, die Stadterweiterung und Befestigung oder die Stiftung des Liebfrauenmünsters und des späteren Hoheschulgebäudes vermerkt.

Wer machte einst Politik in Ingolstadt?

Einen wunderbaren Überblick darüber, wer einst die Geschicke dieser Stadt gelenkt hat, bieten zwölf doppelseitige, farbenprächtige Miniaturbildnisse der jeweiligen Ratsherren inklusive Bürgermeister, teils in Ganzformat, teils in Halbformat. Jeder Ratsherr ist mit seinem Namen erkennbar und auch sein Familienwappen ist abgebildet, manchmal sogar sein Lebensalter vermerkt. So kann man nicht nur sehen, wer da einst um den "grünen Tisch" saß, sondern eindrucksvoll erleben, wie sich die Mode im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat- angefangen von Männern in Gewändern der gotischen Zeit über Vertreter in prächtigen Renaissancegewändern, Herren mit weißen Perücken des Barock und Rokoko bis hin zu Ratsherren in schlichten schwarzen Anzügen des 19. Jahrhunderts ist alles dabei.

Oft war es ein besonderes Ereignis, das man zum Anlass nahm, um eine neue Seite hinzuzufügen. Wie etwa im 17. Jahrhundert, als die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges vorbei waren oder als im 18. Jahrhundert der Österreichische Erbfolgekrieg ein Ende fand. "Die Menschen waren froh, dass alles vorbei war", sagt Schönewald. Und nach der Devise "Jetzt gönnen wir uns einfach was", wurde dann das Privilegienbuch wieder um eine Abbildung reicher.

Aber auch in Zeiten relativen Friedens, als es wirtschaftlich besonders gut um die Stadt bestellt war, hat man gerne solch eine teure Arbeit in Auftrag gegeben. Vor allem im 16. Jahrhundert erlebte die Kunst eine richtige Hochzeit in Ingolstadt und da wollte man natürlich auch beim Privilegienbuch nicht zurückstecken.

Letzter Rat als Besonderheit

Die Abbildung des letzten Rats, nämlich die der Herren von 1880, ist übrigens eine weitere Besonderheit. Denn zu diesem Zeitpunkt gab es schon längst ein anderes politisches System und etwa keinen inneren und äußeren Rat mehr, das Privilegienbuch wurde längst nicht mehr als Chronik genutzt. Doch da Bürgermeister Matthias Doll gerade sein 25-jähriges Dienstjubiläum feierte, nahm man das zum Anlass, noch einmal ihn und die Stadträte nach altem Vorbild abbilden zu lassen. "Damit zeigte man auch die Wertschätzung dieser alten Tradition und die Verbundenheit mit der Stadtgeschichte",

sagt Schönewald.



Ein Versuch, den ersten Stadtrat des neuen Jahrtausends wieder nach altem Vorbild porträtieren zu lassen, scheiterte übrigens an mangelndem Interesse. Schade eigentlich, denn vielleicht wären Stadträtinnen und Stadträte in moderner Kleidung einmal genauso interessant anzusehen für zukünftige Generationen, wie für heutige Betrachter die Herren in Barockperücken.