Veröffentlicht am Donnerstag, 8. Februar 2018

"Die Musik soll leben!"

Von Klassik bis Party-Musik: Der Trompeter Hans Jürgen Huber tanzt musikalisch gesehen auf vielen Hochzeiten

Er ist als Solotrompeter bekannt von den Ingolstädter Orgeltagen und vom Georgischen Kammerorchester: Hans Jürgen Huber. Der Geisenfelder ist aber auch Chef von Schutzblech. Das Blechbläser-Quintett liebt Huber besonders, denn ab und zu spielt der Trompeter mit Meisterklassen-Diplom auch gerne "musikantisch".


<p>Hans Jürgen Huber</p>

Hans Jürgen Huber

(Quelle: Sabine Reidinger)

Schutzblech wurde 1996 gegründet: Fünf ausgezeichnete Solo-Instrumentalisten haben sich damals zusammengetan. Wie kamen Sie zusammen und mit welcher Intention?

Hans Jürgen Huber: Unser Musikstudium ist darauf ausgelegt, dass man später einmal Trompeter in einem Orchester wird. Und dieses Orchestermusiker-Dasein allein hat mir einfach nicht mehr genügt. Da kam ich auf die Idee, ein Blechbläserensemble zu gründen, in dem dann die Blechblasinstrumente die Melodien von Konzertstücken übernehmen. So wie es im Orchester die Streicher oder die Holzbläser ausüben. Das war damals der Hintergrund - und meine Motivation.

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Schutzblech klingt irgendwie augenzwinkernd. Steckt da eine Prise Schalk drin?

Huber: Ganz genau. Schutzblech hat ja nichts mit dem Fahrrad zu tun, das Blech sollte aber im Namen vorkommen. Zurzeit nennt sich ja alles Brass, wir wollten uns aber weder Pfaffenhofen Brass noch Holledau Brass taufen. Schutzblech ist tatsächlich mit einem Augenzwinkern verbunden, denn auch unsere Konzerte sind so. Wir wollen damit all den Besuchern die Angst vor Konzerten nehmen. Denn viele meinen ja: Da darf man nicht husten, sich nicht bewegen, nicht lachen und nicht klatschen. Bei uns darf man das alles. Also kleines Augenzwinkern ja, wobei die musikalische Qualität nicht drunter leiden darf.

Das Schutzblech-Repertoire reicht von barocken über romantische Werke bis hin zur bayerischen Blasmusik. Inwieweit gibt es denn überhaupt Kompositionen für fünf Blechbläser? Oder müssen Sie zum Teil auf speziell für Schutzblech arrangierte Werke ausweichen?

Huber: Es gibt mittlerweile viele Originalwerke für Blechbläserquintett, deren Komponisten zum Beispiel aus Finnland oder Norwegen kommen. Es gibt aber auch Transkriptionen von Originalwerken, also z.B. von Mozarts "Eine kleine Nachtmusik" oder von Bachs "Weihnachtsoratorium". Die meisten Arrangements kann man kaufen. Da sind viele gute dabei, aber auch einige nicht so gute. Sollte dies so sein, greife ich zur Feder und arrangiere die Stücke selber für unsere Besetzung.

Was macht den Schutzblech-typischen Sound aus?

Huber: Viele Leute erschrecken, wenn sie hören, da ist eine Trompete dabei. Die denken dann: "Da geh' ich nicht hin, das ist so laut." Also wollen wir auch zeigen, dass man nicht gleich Ohrenstöpsel kaufen muss, wenn man Blechbläser hört. Im Gegenteil - auch Blechbläser können sehr feinfühlig spielen - und vielleicht sogar mit ihren Instrumenten singen. Und das Typische bei uns ist, da wir alle mit der traditionellen bayerischen Blasmusik groß geworden sind, das Musikantische. Das ist bei uns innerlich verankert. Ich mag es sehr gern, wenn man auch a bisserl musikantisch spielt und nicht so steril akkurat. Musik soll leben - und nicht nur buchstabiert werden.

Geht es bei Schutzblech vor allem um Spielfreude oder auch um Spielfreunde?

Huber: Wir genießen es, mit unserem Ensemble zu spielen. Das ist aber leider, leider viel zu selten. Wenn wir zusammen auftreten, haben wir immer eine wahnsinnige Spielfreude. Aber wir freuen uns noch mehr, wenn wir an den Gesichtern der Konzertbesucher ablesen können, dass sie sich auch freuen.

Aber Sie sind auch alle befreundet...

Huber: Ja, die Chemie stimmt. Besonders zu meinem Trompeterkollegen, und das ist sehr wichtig. Wir spielen beide die Instrumente, die im Quintett doppelt besetzt sind. Jedes andere Instrument ist quasi solistisch besetzt.

Sie sind nicht nur der Kopf bei Schutzblech, Sie moderieren auch die Konzerte. Ist das genau Ihr Ding?

Huber: Irgendwann haben wir beschlossen, es wäre gut, wenn jemand zwischen den Stücken etwas sagt, dann könnte sich die beanspruchte Muskulatur etwas erholen. Nur - wer macht das? Denn wer spricht, kann sich ja nicht entspannen. Also hat sich keiner gefunden, und darauf habe ich gesagt: "Okay, ich mach das." Die Moderation erfolgt bei mir immer ganz spontan, da ich erst sehen möchte, wie die Konzertbesucher reagieren. Mittlerweile moderiere ich wirklich sehr gerne, erzähle über Komponisten, deren Werke und so manche Anekdote aus dem Musikerleben, die das gewisse Augenzwinkern unterstreichen.

22 Jahre Schutzblech - was tun Sie gegen Routine?

Huber: Das Schöne ist, dass wir alle als freischaffende Musiker tätig sind. Jeder hat sein festes Standbein, aber daneben sind wir alle selbstständig. Das heißt, manche unterrichten, manche haben noch Bands nebenbei. Und genau das macht die Farbigkeit in der Musikwelt aus, also man spielt mal bayerische Blasmusik, dann Big-Band-Musik, dann Kammermusik und dann gibt man auch wieder Musikunterricht. Es ist gut, dass man nicht täglich denselben Alltagstrott hat. Es ist wichtig, nicht 365 Tage im Jahr das Gleiche zu tun.

Der Tubist Andreas Hofmeier, Ex-Musiker von La Brass Banda, kommt auch aus Geisenfeld. Was verbindet sie?

Huber: Andreas hat zunächst in der Stadtkapelle Geisenfeld die Instrumentalausbildung zum Schlagzeuger vorgezogen. Das hat ihm, denke ich, nicht so viel Spaß gemacht. Darum probierte er sich am Tenorhorn und damals war das in den Kapellen so üblich, dass aktive Stadtkapellenmitglieder den Kapellennachwuchs unterrichtet haben. Ich habe also tatsächlich dem Andreas die ersten Töne auf dem Tenorhorn lernen dürfen. Tenorhorn war aber wohl nicht sein Instrument. Später haben wir uns leider ein bisschen aus den Augen verloren. Ich weiß zwar noch, dass er auf die Tuba umgeschwenkt ist, da war ich aber schon beim Studieren. Wir haben uns erst wieder beim 40-Jährigen der Geisenfelder Stadtkapelle gesehen und unterhalten. Wir wurden beide eingeladen, jeweils ein Solostück zu spielen. Am 11. November 2018 spielen wir zusammen ein Kulturpreisträgerkonzert im Rahmen der Rathauskonzerte in Geisenfeld. Es kann gut sein, dass Jörg Duda, Kirchenmusiker in Geisenfeld, ein Werk für uns komponiert. Vielleicht auch zusammen für Tuba und Trompete, mal sehen. Ansonsten spielt bei diesem Konzert jeder seine eigenen Konzertstücke.

La Brass Banda hat die Blechblasmusik entstaubt und sie ungewohnt schmissig, poppig-peppig präsentiert. Wer jemals auf einem La-Brass-Banda-Konzert war, weiß, hier geht der Punk ab...

Huber: Die Vorreiter der Blechbläserwelt waren Philip Jones, mit seinem großen Blechbläserensemble und Canadian Brass. Sie haben unsere Instrumente bestens vorgestellt und sehr gut präsentiert. Canadian Brass war das erste Blechbläserensemble, die zu ihrer eigenen Musik auf der Bühne Ballett getanzt haben, also Musik mit Show. Danach folgten German Brass, Blechschaden und viele mehr. Unsere Instrumente hat man also schon gekannt. La Brass Banda hat eine neue Art des Musizierens und der Stilrichtung bekannt gemacht. Toll daran ist auch, dass jetzt viele junge Leute nicht mehr die Nase rümpfen und sagen: "Um Gottes Willen, du spielst Trompete oder Tuba!" Für das Image der Blechbläser war das schon gut.

Sie tanzen ja musikalisch auf vielen Hochzeiten. Woran hängt ihr Herz ganz besonders?

Huber: Das Solistische ist schon immer noch das, was mir am meisten Spaß macht, wo ich am meisten gefordert bin. Hier muss man sich die Literatur wirklich intensiv erarbeiten. Bei anderer Literatur ist das nicht mehr so arbeitsintensiv. Zum Beispiel bei einer Sinfonie von Mozart muss ich die Grifffolge der Töne nicht mehr primär üben, hier wirkt dann doch schon die Routine. Aber alles hat seinen eigenen Reiz. Ich nenne gerne das Georgische Kammerorchester - da war ich ab der ersten Sekunde in Ingolstadt als Trompeter integriert. Die Musiker haben mich wie ein Familienmitglied aufgenommen. Sie alle sind wirklich sehr, sehr herzliche Kollegen. Und wenn umgekehrt auch die Chemie stimmt, bist du nicht nur irgendwie dabei, sondern gehörst zur Familie dazu. Das macht sehr viel Spaß, aber mein Herzblut gehört immer noch den solistischen Projekten. Egal mit welcher Besetzung, also zum Beispiel mit meinem Orgelpartner, mit Klavierbegleitung oder auch mit einem Streicher-Ensemble.

Sie spielen auch bei der Show-Band Bayern 3000 - Ihr Ausgleich zur klassischen Trompete?

Huber: Meine Band wurde für das Septemberfest in Carrara und das Oktoberfest in Zürich gegründet. Hier wurde eine Band gesucht, die man mit Bayern in Verbindung bringen kann, auch in der Namensgebung. Es sind alles lauter ganz nette Kollegen. Wir spielen alle bekannten Hits, von den Oberkrainern bis zum Kufstein-Lied. Aber auch Hits der Rolling Stones, AC/DC, Frank Sinatra bis hin zur klassischen Tanzmusik. Mir macht es wahnsinnig viel Spaß zu hören, welche Sprache hier gesprochen wird. Bei uns Klassikern ist es ein Konzert, ein Auftritt oder eine Probe - bei den Mitgliedern von meiner Band Bayern 3000 ist das ein Gig oder ein Job. Wir kleiden uns mit Frack oder Anzug, sie nennen ihre Kleidung Klamotten. Schon allein diese Sprache ist für mich spaßig und insgesamt ist die Band wirklich ein toller Ausgleich. Es ist wahnsinnig interessant, diese Art von Musik zu spielen. Nie hat man das unangenehme Gefühl, jeder gespielte Ton wird ganz genau verfolgt. Deswegen spielt man seinen Part trotzdem fehlerfrei - aber so ein Auftritt ist halt einfach Party pur.

Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht Trompete spielen?

Huber: Dann sitze ich am PC und arbeite an verschiedenen Arrangements. Das schaffe ich leider meist erst ab 24 Uhr abends. Hier habe ich die dafür nötige Ruhe. Oder ich bringe mein Instrumentarium auf Vordermann, reinigen, putzen, ölen. Oft muss ich auch Notenmaterial vorbereiten, Veranstaltern Konzertprogramme senden usw. - und wenn das alles erledigt ist, bin ich ein großer Fan vom Nix tun. Das heißt, ich mag gern Wellness und gehe gern in die Sauna.

Sie haben u. a. beim Bayerischen Staatsorchester München, den Münchner Philharmonikern, beim Teatro alla Scala Mailand, beim Rundfunk-Sinfonieorchester des Saarländischen Rundfunks Saarbrücken und beim Orchester Philharmonique Suisse gespielt. Haben Sie noch einen großen Traum?

Huber: Zu meiner Studienzeit war der größte Traum, Solotrompeter bei den Berliner Philharmonikern zu werden. Das ist uns ja immer so gepredigt worden, dass man das werden muss, um Anerkennung zu erhalten. Mittlerweile ist es so, dass ich mein musikalisches Wissen sehr gerne weitergebe. Ich habe mich kürzlich als musikalischer Leiter der Audi Bläserphilharmonie beworben. Diese Aufgabe würde mich reizen. Ich durfte die namhaftesten Dirigenten und Orchester und somit die unendliche Vielfalt der Musik kennenlernen. Diese Erfahrungen würde ich gerne an die Mitglieder der Audi Bläserphilharmonie weitergeben, auch sie für die jeweilige Art von Musik so zu begeistern. Ein ganz großer Traum von mir hat sich während meines Studiums schon erfüllt: Ich habe bei einem Workshop für Trompete mein großes Vorbild Maurice André persönlich kennengelernt - ein fantastischer Musiker und ein überaus sympathischer Mensch, völlig ohne Starallüren.