Veröffentlicht am Mittwoch, 6. Dezember 2017

Spuren aus römischer Zeit

Provinzialrömische Keramikscherben bei Ausgrabungen entdeckt - erster sicherer Hinweis auf eine römische Siedlung im Altstadtareal

Vermutet wurde die Existenz einer römischen Siedlung in Ingolstadt zwar schon lange, aber bislang gab es keine gesicherten Hinweise auf die Anwesenheit von Römern im Altstadtgebiet. Jetzt liegen deutliche Hinweise auf die römische "Vorgeschichte" Ingolstadts vor. Bei archäologischen Ausgrabungen vor dem Neubau der Reuchlin-Turnhalle wurden u. a. Keramikscherben entdeckt, die eine römische Siedlung im 2. Jahrhundert belegen.

Die gefundenen Keramikscherben sind der erste sichere Hinweis auf eine Siedlung dieser Zeit im Ingolstädter Altstadtareal. Die Archäologen gehen davon aus, dass es sich um eine "Villa Rustica", ein römisches Landgut, gehandelt habe. Dies sei "kein Sensationsbefund", so Archäologe Dr. Gerd Riedel vom Stadtmuseum, aber "eine wesentliche Ergänzung zu bisherigen Funden".


<p>Archäologische Grabungen neben der Schule Auf der Schanz. </p>

Archäologische Grabungen neben der Schule Auf der Schanz. 

(Quelle: Stadtmuseum)

Bilder zum Thema (4 Einträge)

 

Im gut erforschten Raum Ingolstadt gehört die Ingolstädter Altstadt zu den am genauesten archäologisch untersuchten Arealen. Die Zahl der Funde geht mittlerweile in die Hunderttausende. Gerade die intensive Besiedlung des Altstadtgebietes seit dem 12./13. Jahrhundert hat jedoch viele ältere Spuren verwischt. Die Existenz steinzeitlicher und bronzezeitlicher Siedlungen ist zumindest durch umgelagerte Funde und Gräber indirekt überliefert. Keine sicheren Hinweise gab es jedoch bislang auf die Anwesenheit von Kelten und Römern.

Vermutet wurde die Existenz einer römischen Siedlung schon lange und aus mehreren Gründen. Ludwig- und Theresienstraße sollen einer heute überholten Vorstellung nach auf eine flussbegleitende Donaunordstraße zurückgehen. Der Straßenname "Am Stein" im Zentrum der Altstadt könnte auf römische Mauerreste im Boden hinweisen, die bislang aber noch nicht nachgewiesen werden konnten.

Im Gegensatz zum Stadtzentrum mit seinen permanenten Erdbewegungen veränderte sich unmittelbar vor den Stadtmauern jahrhundertelang sehr wenig. Die im 16. Jahrhundert aufgeschütteten Verteidigungswälle schützten die unter ihnen begrabenen Siedlungsreste. Die Wälle wurden auch bei der Schleifung der Festung 1800 gekappt und eingeebnet, aber nicht abgetragen. So konnte sich die vorgeschichtliche und mittelalterliche Erdoberfläche unter der Wallschüttung bis zum heutigen Tag großflächig rund um die Stadt erhalten.

Die Ausgrabungen im Vorfeld des Baus einer Turnhalle für das Reuchlin-Gymnasium griffen genau in diese ungestörten Areale ein. Sie stellten die Ausgräber vor besondere Anforderungen, da die genaue Lage der alten Siedlungshorizonte unter der modernen Oberfläche nicht bekannt war. Durch umsichtiges Vorgehen konnten nun neue Einblicke in den Festungsbau, unbekannte Elemente der Stadtentwicklung im Mittelalter und sogar die ersten Hinweise auf die Anwesenheit einer römischen Siedlung im 2. Jahrhundert nachgewiesen werden (siehe Beilage der Grabungsfirma ProArch GmbH, Ingolstadt). Die Lage im Norden des Altstadtareals in deutlichem Abstand zum Fluss ist typisch für römische ländliche Siedlungen.

Die Grabungsarbeiten "Auf der Schanz 28" im Überblick

Die Grabungsarbeiten begannen am 28.11.2016 und konnten mit einigen Unterbrechungen am 12.07.2017 abgeschlossen werden. Die Arbeiten wurden durch sechs Mitarbeiter der Firma ProArch GmbH durchgeführt. Die archäologischen Arbeiten "Auf der Schanz 28" stellten sich so als deutlich anspruchsvoller dar, als anfangs gedacht. Insbesondere die Ergebnisse zum Bau der Stadtmauer und des befestigungszeitlichen Grabens stellen ein wissenschaftliches Novum für Ingolstadt dar und sind als wissenschaftlich bedeutend einzustufen.

Im gesamten Baufenster befand sich rund 90 cm unter GOK der im 19. Jhd. verfüllte renaissancezeitliche Festungsgraben von Ingolstadt. Im südlichen Teil der Grabungsfläche konnte ein weiterer Graben angeschnitten werden, bei dem es sich wahrscheinlich um den mittelalterlichen Wassergraben von Ingolstadt handelte. Dieser war in eine rund 150 cm mächtige Verfüllung eingetieft, bei der es sich um den Rest eines zur mittelalterlichen Mauer gehörenden Erdwalles handeln könnte.

Unter den Resten dieses Erdwalles wurde eine stratigraphisch deutlich anspruchsvollere Situation angetroffen. Es wurde eine Vielzahl an Befunden angetroffen, die in das ausgehende 13. bis beginnende 16. Jhd. zu datieren sind. Unterhalb dieser Schicht wurden weitere Befunde angetroffen, es handelte es sich um einen kleineren Graben sowie einzelne Pfostengruben, die stratigraphisch gesehen "vorstadtmauerzeitlich" sind, also wohl zu einer Holzbebauung des ausgehenden 13. Jhd. gehören. Eine Besonderheit bildete ein kleinerer Graben im Südosten der Grabungsfläche.

Überraschenderweise fand sich in der Nähe der Grabensohle einige provinzialrömische Keramikscherben (Terra-Sigillata), welche mit einem Tierskelett vergesellschaftet war.

Ein weiterer überraschender Befund trat bei den Untersuchungen im Nordosten zu Tage, hier konnte innerhalb des Festungsgrabens eine mit Kalkmörtel gesetzte Bruchsteinmauer beobachtet werden. Dabei handelt es sich vermutlich um die Grabenstützmauer.