Veröffentlicht am Donnerstag, 13. Juli 2017

Gelungene Inklusion

Seit 2015 treten die Fußballer der Lebenshilfe für den FC Ingolstadt 04 an

Nicht immer sind die Mitglieder einer Fußballmannschaft 11 Freunde, doch bei dem Team der Lebenshilfe Ingolstadt ist der Name Programm. Die Spieler haben sich ganz bewusst für diese Bezeichnung entschieden: Sie steht symbolisch für die Verbundenheit untereinander, aber ebenso mit dem Verein, der sie seit zwei Jahren nun auch ganz offiziell unterstützt: der FC Ingolstadt 04.


(Quelle: Sabine Kaczynski)

"Das Projekt wurde 2015 mit einem Kooperationsvertrag zwischen der Lebenshilfe und dem FC Ingolstadt 04 ins Leben gerufen, seitdem tritt unsere Mannschaft als gemeinsame Inklusionsmannschaft in Trikots des FCI auf", erzählt Uwe Stelzer, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit bei der Lebenshilfe Ingolstadt. "Eine Fußballmannschaft gab es bei der Lebenshilfe schon seit über 15 Jahren und seit dem Jahr 2005 bestanden, auf Initiative von FCI-Repräsentant Werner Roß hin, bereits Kontakte und regelmäßige Treffen mit Spielern des FCI. So waren beispielsweise seit dem Jahr 2005 bei jeder Weihnachtsfeier der Lebenshilfe-Fußballmannschaft Profis und Funktionäre des FCI zu Gast." Von Jahr zu Jahr wurde die Zusammenarbeit, auch unterstützt durch gute Kontakte von Verantwortlichen des FCI und der Lebenshilfe Werkstätten, konkreter und enger. Durch den Kooperationsvertrag hat sich für die Jungs und Mädels von der Lebenshilfe dann aber schlagartig vieles verbessert: "Statt holprigen Fußballplätzen ohne Umkleiden hatten wir auf einmal einen gepflegten Kunstrasenplatz mit eigener Kabine sowie Trikots plus eine komplette Ausstattung vom FC Ingolstadt 04 zur Verfügung!", freut sich Teamkoordinator Dirk Seifert. Nach nun zwei Jahren Training auf dem Audi Sportpark-Gelände sieht man: Da entwickelt sich etwas - und zwar auf einem ganz anderen Niveau, als man es zuvor je hatte angehen können. "Der FCI liefert hochprofessionelle Infrastruktur: Möglichkeiten zu Motorikübungen usw. sind jetzt auf dem Kunstrasenplatz möglich. Der Nachteil: Andere Plätze sind oft wieder Bolzplätze - das ist unser Team jetzt gar nicht mehr gewohnt!", lacht Dirk Seifert. Die Fußballer selbst machten auch gleich Nägel mit Köpfen: Alle sind nun Mitglieder und somit aktive Spieler des FC Ingolstadt 04.

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"Es ist cool, ein Schanzer zu sein",

sagt denn auch Daniel Feck, der im letzten Jahr zum Kapitän der 11 Freunde gewählt wurde. "Es ist schon was Besonderes, auf dem Gelände spielen zu dürfen. Da fühlen wir uns schon fast wie die Profis!" Wie alle Spieler in der Mannschaft hat auch er ein Handycap, das etwa ein Down-Syndrom oder Epilepsie - eben eine geistige Beeinträchtigung - sein kann. Denn das sind die "Voraussetzungen", um für die Lebenshilfe-Mannschaft kicken zu können: Die Spieler haben geistige Defizite und arbeiten in der Regel für die Lebenshilfe-Werkstätten, da diese die Spiele organisieren. Der Spielbetrieb läuft über jährliche Ausscheidungs- und Qualifizierungsturniere, bei denen man in die nächst höhere Liga aufsteigen - aber auch absteigen kann. Los geht es mit der B-Liga bis hinauf in die Bayernliga. Auch der Spielmodus ist anders, erinnert an die Regeln von Jugendmannschaften: "Wir spielen auf dem Kleinfeld, maximal 7 Spieler, tendenziell eher 5 Feldspieler und ein Torwart, ohne Abseits", erklärt Dirk Seifert. "Der Gedanke ist eher: Alle sollen spielen. Allerdings müssen wir ja auch jeweils die Qualifikation zum Weiterkommen in Turnieren oder Meisterschaften schaffen. Das ist dann immer eine Gratwanderung zwischen Gleichberechtigung und Erfolg, daher haben wir jetzt auch eine 2. Mannschaft angemeldet, die ganz unten anfängt und in der sich die etwas schwächeren Spieler noch entwickeln können."

Positive Entwicklung der Mannschaft

Apropos Entwicklung: Das regelmäßige wöchentliche Training und das gemeinsame Spiel bei Turnieren wirkt sich in zweierlei Hinsicht positiv auf das Team aus: Sowohl im spielerisch/technischen Bereich als auch im sozialen Umgang miteinander haben die Jungs - und neuerdings auch ein Mädel - in den zwei Jahren eine Menge dazugelernt: "Unsere 1. Mannschaft spielte bis zuletzt in der höchsten bayerischen Liga, der Bayernliga - heuer sind wir dann leider abgestiegen. Die Spiele, die alle ausschließlich von Menschen mit einer geistigen bzw. psychischen Behinderung ausgetragen werden, sind dabei wirklich sehenswert und zeigen ein sportlich ansprechendes Niveau", erzählt Uwe Stelzer. Doch auch den Umgang miteinander haben die "11 Freunde" durch den gemeinsamen Sport verbessert: "Zu Beginn hatten alle eine niedrige Hemmschwelle, es gab die Neigung zu Aggressionen, daher haben wir auch Regeln für die Mannschaft aufgestellt: Ihr seid ein Team, ihr müsst vor allem auf dem Platz miteinander auskommen", erklärt Trainer Erwin Wolf. Die Spieler haben das inzwischen verinnerlicht - und das wirke sich nun auch auf die Arbeit aus: "Wir müssen uns wieder vertragen, denn wir spielen doch gemeinsam in der Fußballmannschaft!" - so hört man die Jungs jetzt sagen. Sie denken mehr nach, versuchen von alleine, am Teamspirit zu arbeiten und tragen das auch an Kollegen weiter. Durch den Mannschaftssport lernen sie, eigene Grenzen zu erfahren, sich mit anderen zu messen - wichtige Verhaltensweisen, die sie im Umgang miteinander und auch mit anderen weiterbringen.

Identifikation mit FCI

Inklusionsfußball werde noch interessanter, wenn Kooperationen mit bekannten Vereinen bestehen, so Stelzer. "Wenn ein Spieler von uns ein FCI-Trikot trägt, wirkt das - nach außen, wie auch für den Spieler selbst - ganz anders, als wenn er ,nur' ein normales Sporthemd anhat", ist Stelzer überzeugt. Durch den Sport, den Spaß und die Identifikation mit dem Verein komme man leichter miteinander in Kontakt, sowohl untereinander als auch mit anderen Menschen. Die 11 Freunde sind zudem treue Fans der Schanzer, denen der Abstieg in die 2. Liga auch egal war - sie sind keine "Erfolgsfans", sondern haben alle Dauerkarten, die sie regulär zahlen. Zusätzliche Motivation: Sie trainieren vor den Profis, sogar auf dem selben Platz und identifizieren sich dann umso mehr mit ihren Vorbildern, die regelmäßig hautnah an ihnen vorbeilaufen. "Na Jungs, wie geht's?", fragte prompt auch FCI-Chefcoach Maik Walpurgis beim letzten Training - und er ist nicht der einzige, der sich nach ihnen erkundigt. "Auch Harald Gärtner und Franz Spitzauer fragen nach, oder die Vereinsspitze schaut uns vom Büro aus zu. Da spüren wir schon, dass wir tatsächlich zum FCI gehören", meint Trainer Erwin Wolf. Und das macht das 11 Freunde-Team natürlich unheimlich stolz.

Differenzierte Zielperspektiven

Inzwischen gehören rund 20 Spieler zum Kader der 11 Freunde, das Altersspektrum reicht von 18 bis 50 Jahren - kein Problem für die Jungs. Übrigens auch nicht, dass seit Neuestem ein Mädel mit im Team ist. "Ich finde es gut, dass ich das einzige Mädchen bin", sagt Sabrina selbstbewusst, "mich haben von Anfang an alle unterstützt und ich habe auch früher schon Fußball gespielt." Wichtig ist Trainerstab und Betreuern ohnehin nicht nur die Zielperspektive Leistung, sondern auch der Zusammenhalt. "Nicht alle unsere Spieler haben ein gesundes Selbstbewusstsein oder Selbstvertrauen. Sie gehen mit Niederlagen ganz schwer um. Viele von unseren behinderten Mitarbeitern haben in ihrem Leben bisher nicht allzu viele Erfolgserlebnisse gehabt", erklärt Uwe Stelzer. Daher gehört zu den Aufgaben des Trainers, die Fußballer nach Niederlagen wieder aufzubauen und ihnen Mut zu machen - eine pädagogisch enorm wichtige Funktion. "Das Problem ist, dass bei unseren Spielern alles höher schwappt, das gilt für Erfolge genauso wie für Niederlagen: Sie sind absolut begeisterungsfähig und voller Motivation, doch wenn sie scheitern, droht alles zu zerfallen. Für Trainer und Betreuer ist es nicht immer leicht, das aufzufangen. Es gibt immer Dynamiken im Umgang miteinander, das klappt mal besser und auch mal schlechter. Oft fehlt auch das Verständnis, dass bei Verletzungen nicht gespielt werden darf - hier liegen die Unterschiede zu nicht-behinderten Fußballern", erläutert Dirk Seifert. Inklusionsmannschaften machen keinen Unterschied beim Geschlecht, daher dürfen Jungs und Mädels in einer Mannschaft spielen, aber es gibt durchaus große Unterschiede im Grad der Behinderung: Motorik, Auffassungsgabe, Durchhaltevermögen oder Kondition können sehr unterschiedlich sein.

FCI als Vorreiter für Inklusion

Inzwischen haben einige Bundesligavereine Inklusionsmannschaften, dennoch kann man die Ingolstädter durchaus als Vorreiter betrachten. Obwohl schon immer im sozialen Bereich aktiv, hat der FCI mit seinem neuen Konzept SchanzenGeber, unter dem die drei Säulen SchanzenGleichheit, SchanzenVerbesserung und SchanzenVerwertung zusammengefasst sind, nun sein Engagement auch nach außen hin transparent gebündelt. Die 11 Freunde gehören zum Thema SchanzenGleichheit und sind eines der größten Projekte in diesem Segment. "Wenn die Jungs am Freitag mit ihrer Sporttasche hochmotiviert ins Training marschieren, ist das einfach nur cool!", freut sich Alexandra Vey, die beim FCI für den CSR-Bereich und somit für die 11 Freunde zuständig ist. Nach der kompletten Ausstattung des Teams ist als nächster Schritt ein Trainer für die Inklusionsmannschaft geplant, der vom FC 04 gestellt wird und das Team bei den Übungseinheiten und Spielen coacht. "Das wächst - und das ist schön. Natürlich ist es auch ein Riesen-Vorteil, dass wir ein so kleiner Verein sind. Man läuft sich zwangsläufig über den Weg und lernt sich kennen, das ist für die Mannschaft Freude und Motivation zugleich. Es ist bei uns eben familiär", so Vey weiter.

Landesfinale im Audi Sportpark

Dass es dem FC 04 ernst ist mit der Unterstützung der Inklusionsmannschaft, zeigt sich auch darin, dass der Audi Sportpark als Austragungsort für das Landesfinale am 22.07.2017 fungieren wird: "Das wird ein Riesenturnier mit über 200 Teilnehmern. Wir helfen hier gerne und es bietet sich an, unsere Infrastruktur für diese tolle Veranstaltung zur Verfügung zu stellen", sagt Alexandra Vey. "Der Termin hat gepasst, der Platz ist frei. Das Turnier dauert fast den ganzen Tag, 5 Ligen sind beteiligt - das wird richtig spannend!" Ein Rahmenprogramm wird es natürlich auch geben, Zuschauer sind herzlich willkommen, für Verpflegung wird selbstverständlich gesorgt und einige zusätzliche Highlights sind ebenfalls geplant. Auch die 1. Mannschaft der 11 Freunde wollte an diesem Landesfinale teilnehmen: "Ziel ist natürlich das Finale in der Vorrunde, danach schauen wir noch was geht", sagte 11 Freunde-Kapitän Daniel Feck vor dem Ausscheidungsturnier. Doch leider hat es für das Team beim Qualifikationsturnier in Donauwörth nicht ganz gereicht. Die ersten beiden Plätze wären weiter gekommen, bedingt durch Verletzungspech und ein unglückliches Eigentor verpasste die Mannschaft jedoch den Einzug ins Halbfinale und errang - trotz leidenschaftlichem Kampf, Einsatz und hervorragenden Torwartparaden - letztendlich nur den 6.Platz. "Der Abstieg in die Oberliga ist dadurch besiegelt. Im nächsten Jahr spielen die 11 Freunde wieder um den Aufstieg in die höchste Liga, die Bayernliga. Gewisse Parallelen zu den FCI-Profis sind also durchaus vorhanden", schmunzelt Uwe Stelzer.

Umfangreiche Zusammenarbeit

Die Kooperation zwischen der Lebenshilfe und dem FC Ingolstadt 04 wurde inzwischen auf weitere Bereiche ausgedehnt. So fertigen Mitarbeiter der Lebenshilfe stylische Taschen aus ehemaligen FCI-Planen, die im Fan-Shop erhältlich sind und den Werkstätten bereits 8.000 € einbrachten! Auch Fanpost, Autogrammwünsche und Serienbriefe werden von den Lebenshilfe-Mitarbeitern bearbeitet, hier ist die unmittelbare räumliche Nähe der beiden Partner von unschätzbarem Wert. "Wir haben hier mittlerweile eine Zusammenarbeit, die für alle Beteiligten Früchte trägt und die Verbundenheit zwischen den Partnern über die Jahre hinweg gestärkt hat", meint Uwe Stelzer und Alexandra Vey fasst zusammen: "Wir sehen die 11 Freunde als Teil unserer FCI-Familie!"